EUROPA. EIN ALPTRAUM.

Lars von Triers „Europa“

Von Christoph Meyer

 

 

 

 

 

 

 

Deutschland zur Stunde Null. Der Amerikaner Joseph Kessel kommt zu seinem Onkel nach Deutschland, dank dem er eine Lehre zum Nachtwagenschaffner beginnt. Er lernt Max Hartmann, Gründer des Eisenbahnunternehmens Zentropa (Anspielung auf die deutsche Eisenbahngesellschaft Mitropa) kennen und verliebt sich in dessen Tochter. Durch seine Naivität und sein Unvermögen, von Freund und Feind in dieser, für ihn fremden, außeririschen Welt Europa, zu unterscheiden, gerät er in die Machenschaften, der noch immer operierenden NS-Untergrundorganisation der „Werwölfe“.

Von Trier entwickelt ein apokalyptisches Bild von Deutschland, eines Trümmerhaufens in dem es nach dem Krieg nicht mehr Tag zu werden scheint. Ein Volk das, noch gebeutelt von den Schrecken des Krieges, einerseits von der strengen amerikanischen Besatzungsmacht, andererseits von der Organisation der „Werwölfe“ unterdrückt wird und gezwungen ist, weiterhin in Unfreiheit zu leben. Der Holocaust begleitet das Nachkriegsdeutschland weiterhin in den „Waggons von deren Existenz du keine Ahnung hattest“, in denen plötzlich wieder die alten Bilder von ausgemergelten KZ-Häftlingen auftauchen. Das Trauma ist noch nicht überwunden. Von Trier will keinen geschichtlichen Kriminalfilm erschaffen, sondern eher die Geschichte fiktionalisieren. So ist Europa auch als eine Variation bzw. eine Umkehrung  von Kafkas Amerika  zu verstehen. Die Nazi- und Militärsymbolik dienen dem Regisseur vor allem als Mittel, um die Geschichte eines zerstörten Europas zu erzählen, wie er es auch in den anderen beiden Filmen seiner E-Trilogie Element of Crime und Epidemic tut. Europa als Alptraumbild, Deutschland als Apokalypse.

Der Erzähler des Films, gesprochen von Max von Sydow, funktioniert als Alter Ego des Regisseurs. Er nimmt Ereignisse vorweg, diktiert den Handlungsablauf und steuert die Hauptfigur („[…] by the count of ten you will be in Europa.“). In der grandiosen Schlussszene z.B. zählt der Erzähler den „Countdown“ zum Tod des, in einem Eisenbahnwagon Unterwasser gefangenen Joseph Kessel und verstärkt somit die emotionale Wirkung seines Todeskampfes auf den Zuschauer („by the count oft en you will be dead.“). Fast scheint es als würde der Erzähler als Hypnotiseur fungieren, bei dem nicht gänzlich klar ist, ob er sich nur an die Personen im Film, oder sogar auch an das Publikum wendet. Mit diesem Kunstgriff gelingt es von Trier, die Filmmaschinerie zu persiflieren und gleichzeitig eine seltsam surreale Stimmung aufkommen zu lassen. Dieser Surrealismus wird unterstützt durch die formelle Experimentierfreude: Rückprojektionen, Zeitsprüngen und vor allem der charakteristische Wechsel zwischen Schwarz-Weiß und Farbe erschaffen eine einzigartige Atmosphäre, die zusätzlich von einem Mittel des klassischen Film noir getragen wird, nämlich wird es in Europa niemals Tag, immer herrscht tiefste Nacht. Vor allem aber ist Europa aber ein Spiel mit Verweisen und Zitaten. So zitiert der Regisseur beispielsweise Andrej Tarkowskijs Nostalghia , indem er es in der zerstörten Münchner St. Christophorus Kathedrale schneien lässt.

Mit Europa gelingt Lars von Trier ein grandioser Abschluss seiner E-Trilogie, ein hochtechnischer, formell verspielter Film, der voll und ganz von der späteren Dogma-Ästhetik seiner Filme differiert. Ein Film hoch artifizieller Film von einem Cineasten für Cineasten, der sowohl auf der technischen, als auch auf der suggestiv-metaphysischen Ebene überzeugt. Ihn als Lars von Triers frühes Meisterwerk zu bezeichnen, ist also keine Übertreibung.

Europa D/DK/FR/SV 1990, Regie: Lars von Trier, Buch: Lars von Trier, Niels Vorsel, Kamera: Henning Bendtsen, Darsteller: Jean-Marc Barr, Barbara Sukowa, Udo Kier, Ernst-Hugo Järegard, usw.

„ICH BIN BILL MURRAY, DU BIST ALLE ANDEREN“

Michel Gondrys „Abgedreht“ (2008)

von Patrick Pietsch


Der französische Regisseur Michel Gondry präsentiert in „Abgedreht“ mehrere Filme in einem und das mit hinreißender Phantasie und Kreativität. Die gesamte Atmosphäre dieses Films ist hervorragend umgesetzt. Eine Kleinstadtvideothek, die in der digitalisierten Welt nichts mehr zu suchen hat, hält sich in dem Städtchen Passaic bei New Jersey nur mit ein paar Stammkunden über Wasser.

Dany Glover als alter Videothek Besitzer erzählt ständig von alten Geschichten über die Zeit in den Zwanzigern und Dreißiger Jahren, wo das Viertel von Jazzlegenden bevölkert wurde. Und genau so traurig wie der Jazz untergegangen ist geht es dem Viertel. Man sieht nur noch wenig der alten Gebäude, die diesen Zeiten einen solch starken Charakter gegeben haben. Alles ist voller Neubauten und wirkt gehetzt.

Doch die Magie der Klänge von Saxophonen und gefühlvollen Bass liegt noch in der Luft. Wiedergespiegelt wird dies an einem Haus, das dem alten, lebensmüden Mr. Flechter gehört, der nicht mehr in diese Zeit passt und mit seinem Latein, bezüglich seiner Geldsorgen am Ende ist. Er besitzt in einem, zum Abriss freigegebenen Gebäude, eine alte Videothek, die natürlich nicht viel Geld abwirft und ihn somit am Rande des Ruins treibt. Als er eines Tages für eine Gedenkfeier des alten Jazzstars Fats Waller die Stadt verlässt, um mit seinen Freunden in einem abgestellten Zugwagen dessen Platten anzuhören um ihm somit zu gedenken, überträgt er seinem einzigen Angestellten  Mike (Mos Def) die verantwortungsvolle Aufgabe seinen geliebten Laden zu hüten und ihn solange zu vertreten bis er wieder in der Stadt ist.

Mike ist von dem Vertrauen Mr. Flechters völlig angetan und entschlossen seine Aufgabe zufriedenstellend zu erfüllen. Leider hat er noch einen kleinen Klotz am Bein: Seinen besten Freund Jerry (Jack Black), der zwar ein gutmütiger Kerl ist, sich und andere doch hin und wieder in schwierige Situationen bringt und im höchsten Grade tollpatschig ist. Jerry wohnt neben einem Kraftwerk und ist der Meinung, dass diese Tatsache seinem Gehirn schadet. So versucht er dieses zu zerstören, bekommt dabei jedoch nur einen gewaltigen Stromschlag und ist seitdem magnetisch aufgeladen. Nach diesem fehlgeschlagenen „Manipulationsversuch“ – wie er es nennt, läuft Jerry direkt in die Videothek zu Mike. Als er berichtet was vorgefallen ist, löscht er, ohne es zu wissen mit seinem magnetisierten Körper alle Videobänder.

Als die ersten Kunden verärgert ihre leeren Kassetten zurückbringen und sich bei Mike beschweren, ahnt er was vorgefallen ist. Am Boden liegend, hat Mike die alles rettende Idee: Die verloren gegangenen Filme selbst nachzudrehen, oder wie er es nennt: zu „schweden“. Zusammen mit Jerry, drehen und verleihen sie zuerst den Film Ghostbusters an Mrs. Falewicz (Mia Farrow), einer bekannten von Mr. Fletcher. Schon nach kurzem sind ihre „geschwedeten“ Filme, trotz, oder gerade wegen der trashigen Inszenierung hoch beliebt. Als weitere Anfragen für selbstgemachte Filme in der Videothek eingehen, haben die zwei Freunde alle Hände voll zu tun und für den nostalgischen Laden gibt es wieder Hoffnung.

Regievisionär Gondry filmt hier mit Liebe zur cineastischen Vergangenheit eine leichte und doch, in ihrer Moral, tiefgehende Komödie. Mos Def, der hauptberuflich eigentlich Rapper ist, spielt den etwas schüchternen und leicht verwirrten Mike mit so viel charismatischem Schauspiel, das er dem Mimik und Gestik Komödianten Black, in nichts nachsteht. Im Gegenteil – sein ruhiges Gestikulieren und die Art Dinge anzugehen ist bei dem schrägen Monologwirbelwind Jack Blacks eine willkommene Abwechslung. Die alt eingesessenen Danny Glover und Mia Farrow sind der Gegenpol zu dem jungen Schauspielduo. Mit Erfahrung und Talent bringen sie dem Streifen die nötige Ruhe, die er für sein fast schon zu sentimental aufgesetztes Ende benötigt.

Abgedreht ist nicht nur eine Liebeserklärung an den Film und gute Musik, sondern auch an ein schon fast ausgestorbenes Medium: Die VHS Kassette. In diesem Sinne ist das Werk ein skurriler Trip durch die Filmgeschichte, der mit viel Witz und Charme die Faszination des Analogen aufleben lässt.

Wer hat es nicht schon getan: Vor- und zurückspulen, löschen und selber aufnehmen.

Be kind rewind, USA, Vereinigtes Königreich 2008; 101 min; Mit: Jack Black, Mos Def, Danny Glover, Mia Farrow, Melonie Diaz, Sigourney Weaver, u. a.; Regie: Michel Gondry; Drehbuch: Michel Gondry; Kamera: Ellen Kuras; Schnitt: Jeff Buchanan


DIE HERANGEWACHSENE GENERATION DER BABY-BOOM-JAHRE, ODER: OPTIMISTISCHE NOSTALGIE

Barry Levinsons „American Diner“ (1982)

von Patrick Pietsch


Levinson schrieb und drehte 1982 den Comedy-Klassiker American Diner mit praktisch unbekannten Darstellern, von denen es einigen später im Showbusiness weit brachten oder noch bringen.

Der Film beginnt am Weihnachtsabend 1959. Sechs junge Männer von Anfang zwanzig ringen mit ihren Freundschaften und dem Ende des Jahrzehnts. Thema sind immer wieder die Vorbereitungen für die geplante Hochzeit eines der Freunde an Silvester. Dazwischen wird der Schnellimbiss zu einer Art Zuhause, zu einem Ersatz-Mutterschoß. In seinen vier Wänden führen sie an polierten Tischen endlose Gespräche miteinander, um die Anforderung der Außenwelt wegzuschieben und sich an ihrem Zusammensein zu stärken.

Jeder der im Film vorkommenden Hauptprotagonisten hat seine fast schon ein wenig Klischeehafte, dennoch nicht affektierte sowie feste Rolle: Eddie, gespielt von Police Academy Legende Steve Guttenberg, ist ein im Grunde schüchterner Angeber, der die Tage bis zu seiner Verheiratung zählt. Shrevie (Daniel Stern) ist der Junge von nebenan mit festem Job und einer Frau namens Beth (Ellen Barkin). Friseur Boogie, verkörpert von dem damals noch immens anders aussehenden Micky Rourke, studiert Jura an der Abendschule, stellt Frauen nach und spielt um Geld. Fenwick (Kevin Bacon) ist der reiche Schulversager mit Alkoholproblemen und Billy, gespielt von Timothy Daly, studiert und hat eine langjährige Freundin, die schwanger ist. Der letzte der sechs ist Modell, Mitläufer und ein wenig der Clown der Clique.

Zugute kommt diesem Film, dass er in Baltimore spielt und somit über das übliche Großstadtszenario, wie es doch in so vielen Werken solcher Art vorkommt, hinausragt. Die aufstrebenden Darsteller lassen eine kameradschaftliche Zuneigung erkennen und die Ausstattungselemente verraten eine authentische Zeitzeichnung – Autos und Musik überzeugen ganz und gar. Das verbreitete erstarken der Frauen liegt in der Luft, aber auch das Unbehagen der jungen Männer an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Sie müssen sich entscheiden: Für die Anpassung an die gesellschaftlichen Erwartungen oder für das Risiko eines individuellen, vielleicht riskanten Wegs.

Der Film endet ohne Knalleffekt. Was bleibt, ist ein Fragezeichen. Am auffälligsten ist sicher die strukturelle Abwesenheit von Eddies Verlobter. Sie spielt eine große Rolle als Symbol für familiäre Bindungen und Häuslichkeit – sprich, als endgültiges Akzeptieren der Verantwortungen des Erwachsenenlebens.


IST DAS NICHT WERNER HERZOG?

Harmony Korines „Julien Donkey-Boy

von Christoph Meyer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Irgendeine amerikanische Vorstadt. Der schizophrene Julien lebt zusammen mit seiner schwangeren Schwester Pearl, seinem Bruder Chris, seinem Vater (Ja, es ist wirklich Werner Herzog) und seiner Großmutter. Pearl erwartet ein Kind von Julien, Chris trainiert manisch das Ringen und sein Vater, ein Kriegsveteran, regiert die Familie mit eisernen Faust, fast schon im Wahn.

Es ist ein dystopisches Familienbild, das Korine darstellt. Getrieben von seltsamen Idealen und Moralvorstellungen, nimmt der Vater keine Rücksicht auf die Gefühle der Familie, versucht diese mithilfe wirrer Geschichten und Anekdoten zu leiten. Manisch trainiert Chris, um es zum Ringer zu bringen, redet sich pausenlos ein, ein Gewinner, ein Mann zu sein. Naiv tänzelt Pearl durchs Leben, optimistisch und gut gelaunt, während sie das Kind aus der inzestuösen Beziehung zwischen ihr und ihrem geistig behinderten Bruder Julien erwartet. Keiner scheut sich davor, Spielchen mit den anderen zu treiben, sie zu verletzen oder zu demütigen. Nur, um der grausamen Langeweile des suburbanen Lebens im südlichen Amerika zu entgehen.

Es sollte eine cineastische Hommage an seinen schizophrenen Onkel Eddy werden, dessen Bild im Abspann zu sehen ist. Um Wahrhaftigkeit zu erzeugen, lässt er den Film am Orginalschauplatz drehen, dem Haus seiner Großmutter Joyce, die Juliens Großmutter spielt.  Ewan Bremner liefert eine authent

ische Darstellung eines schizophrenen jungen Mannes ab, beschränkt sich dabei aber nicht nur auf den zärtlichen Aspekt, sondern bleibt hart an der Wahrheit. Eine Sonderrolle nimmt Werner Herzog ein, dessen Vaterfigur ein Mosaik aus Herzogs Privat-, sowie Berufsleben, zu sein scheint. Er rezitiert eigene Zitate, sowie Zeilen seiner Filme, bastelt daraus sozusagen eine surreale Version seiner selbst.

Seine kaleidoskopische Anordnung verleiht dem Film eine halluszinatorische Qualität. Korines lakonische Erzählweise und seine Vorliebe für obskure Gestalten tragen nur umso mehr dazu bei, Julien Donkey-Boy irreal, ja sogar fast außerirdisch wirken zu lassen, der Realismus des Dogma-Films geht bei Korine gänzlich verloren. Er treibt nicht nur die Grobkörnigkeit des Bildmaterials auf die Spitze, sondern experimentiert wild mit dem Medium Video, Standbildserien, verwaschene Bilder und unkonventionelle Schnitte, lassen den Film zu einem Produkt dessen werden, was Korine als „New Cinema“ beschreibt.

Julien Donkey Boy, Korines zweiter Spielfilm nach Gummo, bestätigt seinen Ruf als Independent- bzw. Expertimentalfilmer, als Mitglied einer radikalen neuen Generation amerikanischer Filmemacher. Ihm gelingt es, einen radikal experimentellen Kunstfilm ohne vorgegebenen Handlungsstrang, sowie ein schonungsloses Portrait eines geistig kranken Mannes zu schaffen. Trotz der schweren Zugänglichkeit bleibt Julien Donkey-Boy ein filmisches Erlebnis, das sich auch vom Stil erheblich von anderen Dogma-Filmen unterscheidet.

Little mother, two by two, wafts the wind on my hair.

Julien Donkey-Boy.  USA 1999. Regie: Harmony Korine; Darsteller: Ewan Bremner, Chloe Sevigny, Werner Herzog, Evan Newmann, Joyce Korine. Kamera: Anthony Dot Mantle

SPÄTES EINTAUCHEN IN EINE FREMDE WELT

Rainer Werner Fassbinders „Angst essen Seele auf“ (1974)

von Patrick Pietsch


 

 

 

 

 

 

 

Mit Angst essen Seele auf zeigt uns Reiner Werner Fassbinder die hinterhältige Art des Rassismus, wie sie heute noch in allen Schichten existiert und nur zu gerne geleugnet wird. Die Geschichte von der verwitweten Putzfrau Emmi und ihrem Mann Ali, einer 60-jährigen deutschen Putzfrau und einem 20 Jahre jüngerem marokkanischen Gastarbeiter.

1974  dreht Fassbinder mit diesem Stoff eine Kombination aus ergreifendem Melodrama und streckenweise übertriebener Gesellschaftssatire. Seine optische Struktur erhält der Film durch Fassbinders geduldige Kamera, die auf reglosen Gesichtern verweilt oder sich respektvoll durch offene Türen zurückzieht. Lebendig wird der Film durch Details aus dem Arbeiterleben, gefühlvoll durch die Darstellungskunst von Brigitte Mira als Emmi und El Hedi ben Salem als Ali.

Alles beginnt als Witz: Ein junges Mädchen aus Alis Stammkneipe fordert ihn im Scherz auf, mit einer alten Frau zu tanzen, die allein am Tisch sitzt. Aus Freundlichkeit lädt sie ihn zu sich zum Kaffee ein und zeigt sich an ihm als Menschen interessiert. Beide sind einsam. Ali teilt sich ein Zimmer mit fünf anderen Gastarbeitern, Emmi ist Witwe. Ihre Liebesgeschichte erblüht trotz des allgegenwärtigen Spotts und der Feindseligkeit von Nachbarn und Familie. Allmählich lässt der Druck von außen nach – nicht aus Verständnis, sondern weil alle etwas von Emmi wollen.

Als die inneren Konflikte zunehmen, lässt Fassbinder nach: Die Emmi, die wir kennen, würde jederzeit Couscous kochen und es nicht als fremdartiges Essen ablehnen un den muskulösen Ali auch nicht wie einen Gegenstand vor ihren Kolleginnen vorführen. Doch weder solche Schwächen, noch die Karikatur eines Rassisten lenken von der unerschütterlichen, bewegenden Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren ab.

Angst essen Seele auf ist nicht nur wegen dem allgegenwärtigen Rassismus ein zeitloser Film und hochaktuell, sondern auch, da Konfliktlinien zwischen jung und alt, vertraut und fremd immer wieder aufs neue anstehen und somit nie veraltetes Moralverhalten sein werden.

Angst essen Seele auf, BRD 1974; 93 min; Mit: Brigitte Mira, El Hedi ben Salem, Babara Valentin, Irm Hermann, Elma Karlowa, Rainer Werner Fassbinder, Anita Bucher, u. a.; Regie: Rainer Werner Fassbinder; Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder; Kamera: Jürgen Jürges; Musik: Rainer Werner Fassbinder; Schnitt: Thea Eymèsz

VERLORENE ERINNERUNGEN

Christopher Nolans „Memento“ (2000)

von Patrick Pietsch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der zweite Film des britischen Regisseurs Christopher Nolan basiert auf der Geschichte Memento Mori seines Bruders Jonah. Er ist ein nahezu perfektes psychologisches Ratespiel. Memento wird oft als der „rückwärts gedrehte Film“ bezeichnet, eine Art moderner Film Noir. Die Szenen kommen in umgekehrter chronologischer Reihenfolge, bringen Informationen, die nutzlos sind, bis ein weiteres Päckchen des Plots geliefert wird. Was in der Hand eines anderen Regisseurs ein affiger Trick hätte sein können, wird bei Nolan zu einer faszinierenden Erzählstruktur, wenn die Hauptperson nicht weiß, dass seine Fakten nicht „die Fakten“ sind.

Der australische Schauspieler Guy Pearce spielt Leonard, einen nervigen, arroganten ehemaligen Versicherungsagenten. Er trägt gute Anzüge und fährt ein gutes Auto, wohnt aber in heruntergekommenen Hotels, ein Hinweis darauf, dass er aus eigenem Entschluss Privatdetektiv geworden ist. Dazu leidet er an einer seltenen Form von Amnesie (einer Krankheit namens anterograde Amnesie, welche die Unfähigkeit hervorbringt, neue Erinnerungen nicht speichern zu können). Aus diesen Umständen macht Nolan zusammen mit seinem Bruder Jonathan ein unglaublich geniales und verwirrendes Drehbuch und einen cineastischen Leckerbissen.

Unter Qualen versucht sich Leonard zu merken, was er getan hat, indem er Zettel und Polaroidfotos aufhängt und sich den Körper mit den wichtigen „Wahrheiten“ tätowiert. Sein großes Ziel ist es, die Vergewaltigung und Ermordung seiner Frau zu rächen, ein mit seinem Handicap schier unmögliches Unterfangen, da es noch dazu nicht die geringste Spur gibt und er sich an nichts aus der unmittelbaren Vergangenheit erinnern kann. Die Menschen in seiner Umgebung, seine Bettgefährtin Natalie (Carrie-Anne Moss) oder der muntere Teddy (Joe Poantoliano), könnten Freunde sein oder der Mörder – er hat nicht die geringste Ahnung.

Pearce liefert ein fesselndes, sensibles Porträt eines Mannes, der fanatisch seine glücklose Mission verfolgt. Wie die Erzählungsstränge aufgedröselt und neu verbunden werden, ist eine imposante Leistung des logischen Denkens und der Drehbuchkontinuität. Diese Vorgehensweise fordert die Wachsamkeit des Publikums, wie wir es jedoch von Nolan gewohnt sind. Am Ende jedoch, bleibt eher die Art des Erzählers haften als die Geschichte selbst.

Memento, USA 2000; 109 min; Mit: Guy Pearce, Carrie-Anne Moss, Joe Pantoliano, Mark Boone Jr., Russ Fega, Jorja Fox, Stephen Tobolowsky, Harriet Sansom Harris, Thomas Lennon, u.a.; Regie: Christopher Nolan; Drehbuch: Christopher Nolan, Jonathan Nolan; Kamera: Wally Pfiste; Musik: David Julyan; Schnitt: Dody Dorn

EIN AUSWEGLOSES LABYRINTH.

Orson Welles „Der Prozess

Von Christoph Meyer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Jemand musste Josef K. verleumdet haben“, ist einer der wohl berühmtesten Anfangssätze der Literaturgeschichte. Lange Zeit galt Franz Kafkas Meisterwerk als undurchschaubar bzw. nur schwer verständlich und somit auch als unverfilmbar. 1963 schließlich, wagte sich Hollywoods ewiger Außenseiter Orson Welles daran, Kafkas Prozess filmische Gestalt zu verleihen. Welles ging es weniger um eine exakte Rekonstruktion der äußeren Handlung, sonder vielmehr um das Einfangen der beklemmenden Atmosphäre des Romans.

So entstand keine der gesichtslosen, weil ideenarmen Literaturverfilmungen, wie sie Hollywood zuhauf produziert hat und immer noch produziert, sondern eine persönliche Interpretation Orson Welles. Um die Ausweglosigkeit K.s hervorzuheben, stellt Welles die berühmte Torhüterparabel an den Anfang seines Films. K.wird dargestellt als biederer Bürokrat, der bis zuletzt daran glaubt, die Situation im Griff zu haben, die im immer weiter aus der Hand gleitet. Zusätzlich zu Kafkas Intention, die Verlorenheit eines jungen Mannes in der Gesellschaft aufzuzeigen, stellt Welles die Kritik an der vielgehassten Bourgeoisie. So findet man K. am Kopfe einer riesigen Halle, in der in peniblen Reihen Schreibtische stehen, an denen monotone Büroarbeit verrichtet wird. Die Schauplätze sind so virtuos verfremdet, dass sie nicht real, sondern wie aus einem Alptraum erscheinen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es ist gesagt worden, dass die Logik dieser Geschichte die eines Traumes ist – oder eines Alptraumes.“

So vermittelt Welles am Beginn dem Zuschauer die grundlegende Idee des darauf folgenden Films. Dieser ist im Vergleich zu Welles sonstiger Arbeit gut finanziert gewesen, da er hier keine amerikanische, sondern französische Geldgeber gefunden hatte. Auch die Besetzung kann sich sehen lassen: Orson Welles selbst als Anwalt, Romy Schneider als dessen Gehilfin Leni, sowie Anthony Perkins (bekannt aus Hitchcocks Psycho)als Josef K. und Jeanne Moreau als  K.s Zimmernachbarin Marika Burstner.

Der wohl beste Film den ich je gemacht habe.“ – Orson Welles

Auch wenn man ihm bei diesem Zitat, angesichts solcher Großtaten wie Citizen Kane oder Im Zeichen des Bösen nur bedingt rechtgeben kann, so ist Der Prozess dennoch ein großartiger Film, der seinesgleichen sucht. Welles erschuf sozusagen eine Version des Prozesses vor dem Hintergrund des Holocaust, den Kafka selbst nicht erlebte. Umso mehr steht deshalb die Willkür des Rechtsstaates und die Unmenschlichkeit derer im Vordergrund. Ein außergewöhnlicher Film, der von seiner besonderen Atmosphäre lebt, die man als alptraumhaft-verloren, oder auch als düster-expressionistisch bezeichnen könnte; und ein weiteres Meisterwerk im Welles’schem Filmkanon.

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